Offener brief zum Facebook-post von Julia Lehner im Oktober 2020

Offener brief zum Facebook-post von Julia Lehner im Oktober 2020

Bethang (NürnBERG), den 01.11.2020

Guten tag Julia Lehner,

in ihrem Facebook-post hier: Facebook-post Julia Lehner zur künstlerischen aktion einer anonymen künstlergruppe an der Zeppelintribüne NürnBErg fordern sie diese mit dem hinweis auf, dass es ihr zentrales anliegen ist genau an diesem ort über diesen ort die so wichtige auseinandersetzung mit dem NS erbe zu führen. Nicht zuletzt, weil sie ja das ehm. reichsparteitagsgelände zum zentralen punkt ihrer bewerbung zur kulturhauptstadt Europas 2025 gemacht hatten.

Mit verlaub, ihr aufruf zum dialog ist scheinheilig, verlogen und undurchdacht!

Undurchdacht, weil sie als städtische mitarbeiterin schlecht jemanden gegen die stadt NürnBErg strafanzeige stellt zum dialog aufrufen können.

Verlogen, weil sie dialog noch nie wirklich interessiert hat.

Scheinheilig, weil schon das von ihnen 2015 organisierte symposium „Lernort Zeppelinfeld“ keinerlei auswirkungen auf ihr handeln hatte. Einlassungen der von ihnen geladenen gäste wie z.b. von prof. dr. Winfried Nerdinger oder Jörg Heiser, sowie wortmeldungen aus dem publikum wurde keinerlei beachtung geschenkt, zeigten keinerlei konsequenzen für sie und die stadt ihr vorgehen am ehm. reichsparteitagsgelände zu überdenken und wurden still und leise dem archiv zugeführt.

In diesem zusammenhang darf ich auch darauf aufmerksam machen, dass meine wenigkeit bereits 2007 eine erste digitale retouche zu einem alternativen umgang mit der zeppelintribüne und somit dem ehm. reichsparteitagsgelände erstellt hat. Diese wurde im kunstkatalog „bethang - eine Stadtutopie für die städte Nürnberg, Fürth, und Erlangen“ dokumentiert, der im März 2008 erschienen ist (anhang 01). Dieser katalog liegt ihnen seit 2008 persönlich vor und bereits 2007 war somit eine künstlerische einlassung mit der idee des weiterbauens statt ausschliesslich den gegensätzen verfallen lassen oder denkmal gerecht restaurieren nachzugehen auf dem tisch. Dialog? Fehlanzeige!

Kollege Thomas May hat dann auch August 2008 im zusammenhang mit der ausstellung „Das Gelände“ in der kunsthalle NürnBErg seine aktion „Gras wächst“ für das ehm. reichsparteitagsgelände vorgestellt. Sein vorhaben künstlerischer interventionen am ehm. reichsparteitagsgelände ist dann spätestens 2009 endgültig gescheitert.

Wie man dem bericht der damaligen Abendzeitung NürnBErg vom damals noch forschen und heute zum kulturfunktionär gewandelten Andreas Radlmeier hier: Abendzeitung NürnBErg, rezension über das projekt von Thomas May sehr schön entnehmen kann, fühlten sie sich am scheitern dieses kunstprojektes völlig schuldlos. Ein lautes und öffentliches engagement ihrerseits also für die kunst, kraftvolle und beherzte unterstützung? Offener kampf um mehrheiten für das projekt im stadtrat gar? Nix! Stattdessen nur schuldzuweisungen an irgendwelche fraktionsvorsitzenden, man könnte ja sonst der eigenen karriere schaden. Dialog? Fehlanzeige!

Es folgten dann meinerseits weitere künstlerische veröffentlichungen und stellungnahmen in form von leserbriefen und rundmails zur einem möglichen umgang mit der Zeppelintribüne.

So wurde mein Bethang-digitaldruck zum weiterbau der Zeppelintribüne aus dem jahr 2019 (anhang 02) in der Lothringerstrasse13 in München u.a. als wandtapete ausgestellt, im katalog TOTALSPINNER, der ihnen persönlich vorliegt, als auch in den NürnBErger Nachrichten im zusammenhang mit einem leserbrief (anhang 03), in welchem ich den weiterbau der Zeppelintribüne als dritte alternative fordere, und im zusammenhang mit einer ausstellungsrezension im Donaukurier als auch den NürnBErger Nachrichten abgedruckt.

Dieser „entwurf“ der zeppelintribüne in Bethang liegt desweiteren seit mitte letztens jahres nicht nur ihnen auch noch als postkarte vor, sondern auch allen massgeblichen mitarbeitern in ihrem seit ihrem aufstieg zur „kulturbürgermeisterin" als "geschäftsstelle kultur“ bezeichneten referat.

Würden sie wirklich das gespräch mit künstlern und ihren ideen suchen, hätten sie allerspätestens hier auf mich zukommen und z.b. bei ihrem impulsvortrag zum NN-forum „Erhalt um jeden Preis“ am 02. Oktober 2019 auf meine idee des weiterbauens der Zeppelintribüne, anstatt diese entweder verfallen zu lassen oder denkmal gerecht zu restaurieren, verweisen müssen. Dialog? Fehlanzeige!

Der vorschlag des kollegen Fredder Wanoth in seinem interview vom 23. August 2019 in den NürnBErger Nachrichten den film von der sprengung des hakenkreuzes an der Zeppelintribüne am 22. April 1945 durch die allierten truppen dort als dauerschlaufe auf die mauern zu projezieren wurde von ihnen und ihrem haus mit schweigen bedacht. Dialog? Fehlanzeige!

Auch jetzt im rahmen der kulturhauptstadtsbewerbung und dem von ihnen geplanten umbau der kongresshalle, haben sie es vorgezogen künstlerische ideen dazu zu ignorieren, mit schweigen zu bedenken und ihre vor langweile strotzenden, das hochbauamt prüft laut ihrer aussage beim presseclub gespräch am 15.10.2020 unter der massgabe des denkmalschutzes fluchtwege und brandschutz möglicher baumassnahmen, „vision“ des gebäudes durchzudrücken.

In diesem zusammenhang darf ich also auch auf meinen neuesten Bethang-katalog SAVAGE FELLOW verweisen, in welchem mein künstlerischer einlass zur kongresshalle auf dem ehm. reichsparteitagsgelände (anhang 04), der ihnen vorab per e-mail zu ging, abgedruckt ist. Hier nehme ich ästhetisch und mit einem kurzen statement ihre aller erste formulierung in der kongresshalle ein „tortenstück“ für kunst und kultur umbauen zu wollen wörtlich und lege einen entwurf vor, der als künstlerische anregung gedacht ist, mit der kongresshalle auch ästhetisch alternativ umzugehen. Dialog? Fehlanzeige!

Die ganz klassische papiercollage zum weiterbau der kongresshalle (anhang 05), der eine historische postkarte derselben zugrunde liegt, ging ihnen digital mit entsprechenden ausführungen zur künstlerischen idee per e-mail zu. Dialog? Fehlanzeige!

Krampfhaft haben sie nicht nur ihre vorstellungen zur Zeppelintribüne mit dem framing des „trittfest machen“, damit nur ja nicht der verdacht entsteht sie würden NS bauten restaurieren, sondern jetzt auch ihre vorstellungen zur kongresshalle durchgepeischt und jeden kreativen ansatz im keim durch ihr schweigen unterdrückt.

Der architekt Thomas Glöckner hat mit seinem fulminanten entwurf eines glaskubus über der „führerkanzel", der zu zwecken der kultur und politischen bildung genutzt werden soll, am 24. Oktober 2020 mit einem bericht über seinen entwurf in der presse staub aufgewirbelt (anhang 07).

In seinem fundierten statement zum einem zukünftigen umgang mit den bauten auf dem ehm. reichsparteitagsgelände auf der website seines architekturbüros (hier nachzulesen: PRAGMATISCHER IMPERATIV ZUM UMGANG MIT DER NS ARCHITEKTUR NÜRNBERGS) hat er dankenswerterweise in den anmerkungen auch auf meinen ersten Bethang-"entwurf“ zur Zeppelintribüne verwiesen.

Aber nicht einmal ein titelaufmacher in den NürnBErger Nachrichten konnten ihnen ein statement entlocken. Aus ihrer geschäftsstelle hies es lediglich auf nachhaken, man habe "Herrn Glöckners Entwurf als spannende Meinungsäußerung zur Kenntnis genommen“. Dialog? Fehlanzeige!

Ihr ewiger verweis auf den denkmalschutz ist im übrigen reiner hohn. Man kann als kommune mit seinen eigenen immoblien, also auch mit den sich im städtischen besitz befindlichen bauten auf dem eh. reichsparteitgasgelände ganz anders umgehen. Sie sehen das ja nicht zuletzt am beim NürnBErger dokuzentrum mit seinem dekonstruierenden entwurf von Günter Domenig.

Hierzu habe ich ihnen sogar auch noch rechtliche schützenhilfe zukommen lassen, in dem ich ihnen das antwortschreiben der stadt Schwabach zu deren umgang wider den denkmalschutz mit deren rathaus übermittelt habe.

Ich bin nicht unbedingt ein ausgewiesener freund von „streetart“, die auf diese weise, wie es die regenbogen bemalung an der Zeppelintribüne getan hat, von fremden oder öffentlichem eigentum quasi besitz ergreift, wenn gleich auch ich diese aktion für ein starkes, sehr begrüssenswertes bild halte.

Auch ist nicht ganz klar, was die künstler, wie dem interview mit ihnen in der regionalpresse zu entnehmen ist, darüber hinaus eigentlich wollen, da sie einen weiterbau genauso ablehnen wie die von ihnen auf den weg gebrachte „trifftfest machung", ein so belassen aber wegen erhabfallender steine auch nicht möglich ist. Dennoch ist es ihnen dankenswerterweise letztendlich gelungen eine öffentliche diskussion in gang zu setzen, die den kollegen Thomas May, Fredder Wanoth und mir verwehrt geblieben ist und die nun offenbar sie, Julia Lehner, zu einem öffentlichen statement veranlasst hat.

Der vereinnahmung des regenbogens im statement der „künstlergruppe“ als alleinigem symbol der LGBTQI+ bewegung kann ich nicht ganz folgen (anhang 06). das ist aber ein anderes thema.

Ihre aussage in der regionalpresse zur mit regenbogenfarben bemalten zeppelintribüne temporäre künstlerische Interventionen seien zu begrüßen müssen jedenfalls wenigstens Thomas May und Fredder Wanoth wie hohn in den ohren klingen!

Man darf also aus all dem schliessen, dass sie an einer ernsthaften auseinandersetzung mit künstlern nie wirklich interessiert waren und es auch heute nicht sind!

Ich darf an dieser stelle auch den leiter des bewerbungsbüros zur kulturhaupstadt Europas 2025 hr. prof. dr. Hans Joachim Wagner mit seinem Facebook-post zitieren:

"Es schmerzt mich deshalb, weil der Denkmalschutz hier absolut gesetzt wurde, ohne eine Debatte zu führen. Der auf breiten öffentlichen Diskurs gründende Umgang mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände ist aber zwingend notwendig. Hier liegt eine große drängende Aufgabe für die Zukunft der Stadt“

Weiter sagt prof. dr. Hans Joachim Wagner in einem interview mit der hiesigen regionalpresse bereits im Juli diesen jahres:

"Man hat sich aus städtischer Sicht immer ein bisschen davor gescheut, diesen Ort der Kunst zu übergeben“

Ihr allgemeiner umgang, Julia Lehner, mit der kunst und kultur im allgemeinen in dieser stadt lässt sich am beispiel reichsparteitagsgelände ganz besonders gut ablesen, ist er doch rein auf aussenwirkung, auf marketing und möglichst wenig schwierigkeiten ausgerichtet.

Krampfhaft und rigide versuchen sie, so lange ihnen das möglich ist, kreative äusserungen und neue lösungsansätze tot zu schweigen und zu unterdrücken. Sie wollen offenbar alles bis zum äussersten kontrollieren und reagieren erst, wenn sie nicht mehr anders können, weil ihnen jetzt wegen einer frechen aktion an der Zepplintribüne auf einmal eine öffentlichkeit im nacken sitzt, die ihre karriere gefährden könnte.

Ihre tätigkeit als kulturreferentin hat sich, wenn sie mir dieses resümee gestatten, in verwaltungsakten wie der einrichtung eines „KunstKulturQuartiers“ und eines „Bildungscampus“ erschöpft. Beides ist letztendlich nur eine auf sie zugeschnittete zentralisierung und somit für sie einfach nur eine arbeitserleichterung. Man hätte stattdessen z.b. auch mit den städtischen dienststellen einen runden tisch einführen können, an dem sich die städtischen mitarbeiter austauschen um die von ihnen beschworenen synergie effekte herzustellen.

Nicht zuletzt hat sich auch durch die einrichtung des "KunstKulturQuartier“ und die damit verbundene eröffnung der kunstvilla mit ihrer aufgabe sich ausschliesslich der „regionalen“ kunst zu widmen, die eh schon vorhandene trennung von regional und (inter-)national, die durch die leihgabe der „internationalen“ teile der kunstsammlung der stadt NürnBErg an das neue museum ihren anfang nahm, verfestigt. Hier die wichtigen internationalen künstler, die sich beispielsweise wie in der kulturhauptstadtsbewerbung mit Jonathan Messe dem ehm. reichsparteitagsgelände widmen dürfen, dort die regionalen, die man quasi leider nicht abschaffen kann, denen man aber offensichtlich nur zuhört, wenn sie sich ins „illegale“ flüchten.

Hinzu kommen auch noch völlig überteuerte baumassnahmen wie die denkmalgerechte restaurierung der kunstvilla und der umbau der kulturwerkstatt Muggenhof usw. Letztere wurden zwar millionenschwer und prestigeträchtig umgebaut, aber zur oben beispielhaft geschilderten ignoranz den künstlern und kreativen gegenüber kommt jetzt noch hinzu, dass z.b. für die kunstvilla nur ein gerade zu lächerlicher ankaufstetat zum aufbau einer sammlung bleibt, der den künstlern keine butter auf dem brot lässt.

Auch beim geplanten Konzertsaal, für den auch noch eine ganze reihe alter bäume gefällt werden müssten, machen sie millionen locker. Der etat wichtiger kulturakteure in dieser stadt wie z.b. dem klangkonzepte ensemble neue Pegnitzschäfer, das sich in seinen aufführungen wichtigen zeitgenössischen komponisten widmet, hat in ihrer gesamten bald 20 jahre währenden amtstzeit nicht einmal eine inflationsanpassung erhalten.

Sie betreiben mit dem argument der niederschwelligkeit eine kulturpolitik billiger massenveranstaltungen wie der Blauen Nacht, dem Klassik Open Air und dem Silvestival, so als ob diese das alleinige ziel von kulturpoltik sein könnten. Wohin sich die bürger, nachdem sie mit ihrem „niederschwelligen angebot“ angefixt wurden, quasi „hochschwellig“ wenden könnten, lassen sie offen, denn da ist nämlich fast nichts!

Das einzige interesse ihrerseits besteht darin, am nächsten tag selbstzufrieden die schlagzeilen über die massen zig tausender besucher ihrer sog. events zu studieren.

Auch hier dialog mit den künstlern? Fehlanzeige, denn in den dialog mit den künstlern, den sie jetzt dem anonymen künstlerkollektiv wegen ihrer aktion zur Zeppelintribüne anbieten, hätten sie nämlich schon seit ihrem amtsantritt im jahre 2002 immer wieder treten können!

Sie haben es stattdessen vorgezogen phantasie- und visionslos ihre kulturpolitik durchzuziehen, willige mitarbeiter heranzuziehen, die brav ihr neues politframing von der „geschäftsstelle kultur der bürgermeisterin“ am telefon herunterbeten und sitzen weiterhin lieber unter ihres gleichen beim mittagstisch, statt mal der einladung von künstlern, sich im atelier mit ihnen zu unterhalten, zu folgen.

Jetzt haben sie ihren salat: NürnBErg ist bei N2025 krachend gescheitert, da hilft auch kein beschwörendes „wir sind kulturstadt“, wir sind quasi um ein haupt gekürz,t und die Zeppelintribüne ist bemalt.

Julia Lehner, übernehmen sie verantwortung!

Mit freundlichen grüssen
Karsten Neumann
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stadtgründungsbüro Bethang

Abb. 1 Bethang-digitaldruck Zeppelintribüne, 2007, © Karsten Neumann
Abb. 2 Bethang-digitaldruck Zeppelintribüne, 2019, © Karsten Neumann
Abb. 3 Leserbrief NürnBErger Nachrichten 30.07.2020
Abb. 4 Bethang-digitaldruck kongresshalle, 2019, © Karsten Neumann
Abb. 5 Bethang-collage/+digitaldruck kongresshalle, 2020, © Karsten Neumann
Abb. 6 Regenbogenkörper des tibetisch buddhistischen meisters Padmasambhava, Guru Rinpoche
Abb. 7 Titelblatt NürnBErger Nachrichten 24./25.10.2020